Deutsch-Kanadische Eindrücke: Interview mit Leslie Reissner

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DKG: Was hat Sie dazu veranlasst, Diplomat werden zu wollen?

Herr Reissner: Ich wurde von einem Mann inspiriert, der in meiner Grundschule einen Vortrag über „Leben in der Schweiz“ hielt. Irgendwie blieb diese Geschichte in meinem Kopf hängen und hat mich angeregt über fremde Länder nachzudenken. Im Oktober 1970 gab es eine Krise in Kanada und daraufhin wurde der der War Measures Act verabschiedet. Der Auslöser dafür war die Entführung eines britischen Handelskommissars durch einen Terroristen in Montreal. Ich als Vierzehnjähriger habe mich gefragt, was ein Handelskommissar ist und was dieser macht. Also fing ich an, etwas darüber zu lesen und dachte „Wow, das ist echt interessant“ – nicht, dass ich damals irgendwie weiter darüber nachgedacht hätte.

Später dann besuchte ich die Law School und belegte die Fächer amerikanische und deutsche Geschichte sowie Politikwissenschaften. Das Witzige daran ist die Tatsache, dass ich erst für meinen dritten Job in die USA und nach Deutschland kam. Ein anderer Aspekt, den ich an meinem Beruf als Diplomat sehr mag, sind Grenzen. Ich selbst stamme aus einer Immigranten-Familie und dadurch, dass ich in einem Land lebe, das von Einwanderern bevölkert ist, stellt sich mir die Frage: was ist eine Grenze? Im Ausland zu leben und dieses als Kanadier zu wahrzunehmen, ist sehr interessant.

DKG: Sie haben Ihren Migrationshintergrund erwähnt. Ist das der Grund, warum Sie fließend Deutsch sprechen? Inwieweit hat es Sie beeinflusst, dass Ihre Familie nach Kanada ausgewandert ist?

Herr Reissner: Deutsche sind so höflich und niemand lacht über meine Grammatik!  Mein Vater ist aus Leipzig und meine Mutter ist in Berlin geboren. Sie sind 1951 nach Kanada ausgewandert. Eigentlich waren die USA ihre erste Wahl, da sie Verwandte dort hatten, die meine Elten hätten unterstützen können. Zur Zeit von McCarty wurde jedoch jeder, der aus Ostberlin kam, als Kommunist gesehen und demnach wurden sie nicht akzeptiert. In Kanada jedoch schon, worüber ich froh bin.

In der Zeit, als meine Eltern eingewandert sind, gab es eine Anordnung für Flüchtlinge, die besagte, dass diese ein Jahr lang als Hausangestellte in einer Familie arbeiten müssten. Das taten sie dann in Oakville, wo ich schließlich geboren wurde. In Oakville gab es keine deutsche Gemeinschaft und die Leute aus dieser Generation lebten ziemlich isoliert. Meine Eltern hatten es eilig, fließend Englisch sprechen zu können und auch deshalb sprachen wir nur sehr wenig deutsch im Vergleich zu meinen deutschen Freunden.

Als Kind ging ich zur deutschen Samstagsschule – während all die anderen Kinder den Tag frei hatten. Nach der 10. Klasse habe ich in der High School Deutsch belegt, aber das war’s auch. Eigentlich habe ich bis zu meiner Versetzung nach Berlin 1998 nicht viel Deutsch gelernt. Zu Beginn hatte ich schon zu kämpfen.

Ich habe mich immer als Kanadier gefühlt, nicht als Deutsch-Kanadier. Ich habe deutsche Wurzeln, aber bin in Kanada aufgewachsen und zur Schule gegangen. Von Zeit zu Zeit sind wir immer mal wieder nach Deutschland gereist und mein Interesse an Deutschland war immer da. Als ich dann 1998 nach Berlin kam, war ich jedoch überrascht, wie wenig Deutsch ich letztlich konnte.

DKG: Sie sind begeisterter Fahrradfahrer und besitzen selbst dutzende Fahrräder. Inwieweit ist Fahrradfahren in Kanada anders als in Deutschland?

Herr Reissner: Es gibt bedeutende Unterschiede zwischen dem Radfahren in Kanada und Deutschland. Erstens: das Wetter in Kanada ermöglicht es, von Mai bis Oktober fahren zu können. Einer der Vorteile in Deutschland besteht darin, dass es alle 5 km einen Bäcker gibt, da Deutschland so dicht besiedelt ist. Dadurch hat man auch ein dichtes Netzwerk an Nebenstraßen und man muss nicht auf den Hauptstraßen fahren. Wenn man zum Beispiel in Kanada von Ottawa nach Toronto fahren will – und das sind 450km – gibt es dort fast keine Städte auf dem Weg. Dort fährt man auf Hauptstraßen mit Trucks, die eine hohe Geschwindigkeit aufbringen, und das ist wirklich sehr unangenehm.

DKG: Was vermissen Sie am meisten Deutschland, jetzt wo Sie wieder zurück in Kanada sind?

Herr Reissner: Ich muss sagen, da gibt es schon einiges. Wie man sieht, liebe ich Deutschland, und anhand meiner Tätigkeiten in Berlin und Düsseldorf lässt sich denke ich erkennen, wie sehr ich an Deutschland interessiert bin.

Ich liebe die ganze Idee des „Bildungsbürgers“, dass Menschen Kulturelles sehr schätzen. Für jemanden in den späten Zwanzigern in Nordamerika wäre es beispielsweise ungewöhnlich in die Philharmonie zu gehen. Als ich in Berlin war, sah ich, wie gemischt das Publikum dort war.

Einmal ging ich zu einem Konzert auf der Waldbühne in Berlin. Dort waren 70,000 Menschen, von Zehnjährigen bis hin zu Großmüttern war alles dabei, eine unglaublich breite Palette an Musik, was für mich sehr interessant war, und man in Kanada so eben nicht oft sehen würde.

Mir fehlt die Infrastruktur und dass ich nun eben nicht mehr einfach die Straßenbahn zur Arbeit nehmen kann, was ich während meiner Zeit in Berlin und Düsseldorf sehr geschätzt habe. In Deutschland wird viel in öffentliche Verkehrsmittel investiert.

Es gibt ein tolles Zitat des Bürgermeisters von Bogotá. Vor vielen Jahren sagte er einmal „Ein entwickeltes Land erkennt man nicht daran, dass arme Menschen Autos haben, sondern dass die Reichen öffentliche Verkehrsmittel nutzen“. Das fand ich großartig!

Die Distanzen zwischen Köln, Düsseldorf, Essen oder Wuppertal sind ungefähr so groß wie ganz Toronto, also sehr kleine Entfernungen, aber jeder Ort für sich ist so vielfältig und diese Vielfältigkeit gefällt mir ebenfalls sehr. Ich finde es toll, mir eine von acht verschiedenen Opern innerhalb eines kleinen Umkreises aussuchen zu können. Für mich war das fantastisch. Außerdem weiß ich, wenn die Jahreszeit kommt, werde ich es vermissen Spargel und Pfifferlinge zu essen.

DKG:Haben Sie sich einige deutsche Charakterzüge angewöhnt während Sie in Deutschland waren, die ihren kanadischen Freunden aufgefallen sind?

Herr Reissner: Da bin ich mir nicht sicher. Manche meiner deutschen Freunde meinten, ich sei mehr Deutsch als Kanadisch, was ich sehr witzig fand, aber ich denke nicht, dass das stimmt. Jeder hat Gemeinsamkeiten und Unterschiede, die sich von Person zu Person unterscheiden. Ich versuche pünktlich zu sein, also diese Klischees, aber auf der anderen Seite weiß ich, dass das auch in Deutschland nicht immer der Fall ist. Natürlich ist diese Vorliebe für Kultur etwas, woran ich sehr interessiert bin. An deutscher Literatur, und besonders Poesie, habe ich großen Gefallen gefunden und lese es sehr gerne.

Als heutiger stellvertretender Leiter des Bereichs Wissenschaft und Technologie fiel mir etwas auf, was mich wirklich bewegt hat in Deutschland: die Investition in die Menschen. In Nordamerika werden Arbeitskräfte oft als Unkosten angesehen, die reduziert werden müssen. Deutschland hingegen, das sehr hohe Löhne hat, besitzt eine hohe Produktivität, weil sehr viel Geld in Menschen investiert wird.

DKG:Wie sehen Sie die Zukunft der deutsch-kanadischen Beziehungen?

Herr Reissner: Die Bindungen zwischen Kanada und Deutschland werden enger. Man trifft auf viele Deutsche mit einer starken Verbundenheit zu Kanada. Ich habe so viele Deutsche kennen gelernt, die verrückt sind nach Kanada und ich finde das großartig, weil ich Deutschland liebe. Dadurch sehe ich mich nicht weniger als Kanadier oder so etwas, aber für mich war es eine große Freude, mein Land zu repräsentieren. Das Land, das mir so viel geboten hat und ich denke, die Menschen sollten offen sein für diese Dinge. Nimm dir das Beste aus beiden Welten!

  

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