Deutsch-Kanadische Eindrücke – Interview mit Dr Daniel J Müller

Für personalisierte Medizin in der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen – Ein Gespräch mit Dr. Daniel J. Müller von der Universität in Toronto

Daniel J. Müller ist Arbeitsgruppenleiter für Pharmakogenetik am Center for Addiction and Mental Health (CAMH) in Toronto. Neben seiner Forschungstätigkeit behandelt er auch Patienten mit Depressionen und Schizophrenien. Er lehrt als Associate Professor an der University of Toronto im Bereich der Psychiatrie, wo er regelmäßig Vorlesungen gibt. Sein Labor ist weltweit vernetzt und im Feld der Pharmakogenetik führend. Darüber hinaus ist es ihm ein Vergnügen, sich mit anderen deutschen Wissenschaftlern zu vernetzen, weswegen er den Deutschen Akademischen Stammtisch in Toronto gegründet hat. Für die DKG hat er sich nun einigen Fragen zu seiner Tätigkeit, seinem Werdegang und seinen Erfahrungen in Kanada gestellt.

Von Anton Rizor

DKG: Du arbeitest am Center for Addiction and Mental Health (CAMH). Was genau ist das Center?

Daniel Müller: Das CAMH ist Kanadas größtes psychiatrisches Krankenhaus. Es ist 1998 aus einem Zusammenschluss eines Versorgungskrankenhauses, welches schon im frühen 19. Jahrhundert als „Toronto Lunatic Asylum“ auf Queen Street gebaut wurde, und dem sogenannten Clarke Psychatric Institute auf College Street entstanden.

DKG: Was ist der Vorteil,  an einem so großen Institut zu arbeiten?

Müller: Es ist für meine Arbeit sehr hilfreich, dass so viele Kollegen in meiner Umgebung forschen.  Ebenfalls ist der Kontakt zu einer Großzahl an Patienten gegeben. Es ist für einen Forscher wie mich von Vorteil, wenn man eine große Anzahl an Kollegen hat, mit denen man kollaborieren kann, und an Patienten, denen ich von unserer Forschung erzählen kann.

DKG: Worum handelt es sich in Deinem Forschungsfeld?

Müller: Wir haben es in der Psychatrie mit sehr komplexen Erkrankungen zu tun. Nicht selten besteht die Notwendigkeit, medikamentös zu behandeln. Als Faustregel gilt: Je stärker die Symptome sind, desto eher wird man medikamentös intervenieren müssen. Allerdings bedeutet das auch, dass eine leichte Depression auch mit einer Gesprächstherapie oder auf anderen Wegen behandelt werden kann. Für schwere Depressionen wird man jedoch häufig nicht darum herumkommen, medikamentös zu behandeln. Erschwerend kommt hinzu, dass  Patienten sehr unterschiedlich auf die Medikamente ansprechen. Manche Patienten benötigen eine sehr niedrige Dosis, andere eine sehr hohe, manche vertragen das Medikament nicht oder es wirkt gar nicht. Diese Variabilität sorgt für viele Probleme. Es geht mir darum, so schnell und so sicher wie möglich eine optimale Therapie für die Patienten zu ermöglichen. Nach wie vor dauert es aktuell noch viel zu lange, bis das richtige Medikament und die richtige Dosis für den jeweiligen Patienten gefunden werden. Es geht also hier um eine personalisierte Form der Medizin, die auch „precision medicine“ genannt wird.

DKG: Worum handelt es sich bei der personalisierter Medizin?

Müller: Anstatt allen Patienten das gleiche Medikament zu geben, versuchen wir von Anfang an, mit genetischen Markern Orientierung zu erlangen, um zu wissen, in welche Richtung wir am erfolgreichsten behandeln können. Die Genetik hat einen sehr großen Anteil an der Wirkungsweise von Medikamenten und ist ein sehr vielversprechender Ansatzpunkt. Letztlich erhoffe ich, durch meine Forschung dazu beizutragen, dass wir durch einen einfachen, schnell durchzuführenden und kostengünstigen genetischen Test eine schnellere und effektivere Behandlung für unsere Patienten erreichen können.

DKG: Seit wann arbeitest Du an dieser Forschung und wie bist Du nach Kanada gekommen?

Müller: Ich habe vor ca. 15 Jahren  mit meiner Facharztausbildung in Bonn angefangen. Sehr früh habe ich mich für die Pharmakologie und Genetik interessiert und in Bonn den Grundstein zu meiner Forschung gelegt. Wichtig war für mich damals allerdings auch, internationale Erfahrung zu sammeln. Ich habe mich dann 2002 als sogenannter „Post-Doc“ einer Arbeitsgruppe hier in Toronto angeschlossen. Im Anschluss habe ich vier Jahre in Berlin an der Charité verbracht.  2008 erhielt ich einen Ruf für eine Professur in Toronto und leite seitdem die Arbeitsgruppe hier.

DKG: Was ist der aktuelle Stand der Forschung?

Müller: Ich beobachte mit großer Zufriedenheit, dass wir uns seit ein paar Jahren in einer wichtigen Umbruchsphase befinden: Die Forchung in der Pharmakogenetik hat dank der ausreichend gesicherten Datenlage Einzug in der klinischen Praxis gefunden, und ich unterstütze diese Implementierung mit großer Leidenschaft. Nach wie vor gibt es aber noch viele offene Fragen  wie zum Beispiel die Kostendeckung. Ethische Bedenken, die zwangsläufig mit der Genforschung einhergehen,  verstehen wir und nehmen sie sehr ernst. Für mich als Forscher ist das natürlich extrem spannend. Da mir als Arzt das Wohl der Patienten sehr am Herzen liegt, ist es für mich etwas Besonderes, die Forschung „from bench to bedside“ zu begleiten.

DKG: Was bedeutet das in der Praxis?

Müller: Nehmen wir zum Beispiel Antidepressiva, wo wir erste wichtige Fortschritte verbuchen können. Antidepressiva werden übrigens häufig und auch für viele verschiedene Erkrankungen verschrieben. Wir wissen mittlerweile ziemlich genau, wie diese verstoffwechselt werden und wie sie primär wirken werden. Es gibt zum Beispiel Menschen, welche die Medikamente sehr langsam oder aber auch im Gegenteil sehr schnell abbauen. Das kann zu gehäuften Nebenwirkungen oder auch zur Unwirksamkeit führen. Diese sogenannten „poor“ bzw. „ultrarapid metabolizer“ können wir anhand eines einfachen Gen-Tests nun auch schon vor Therapiebeginn ermitteln. Dies hilft enorm in der Therapieoptimierung und führt zur größten Zufriedenheit bei den Patienten und zu den geringsten Kosten im Gesundheitswesen.

DKG: Inwieweit spielt Alter eine Rolle?

Müller: Kinder und alte Menschen weisen pharmakologische Besonderheiten auf und sind daher in der Behandlung besonders herausfordernd. Zunächst einmal ist es hier aber wichtig, eine richtige Diagnose zu stellen, doch aufgrund des Stigmas, das immer noch mit der Psychiatrie verbunden ist, werden viele Menschen falsch diagnostiziert und behandelt. So gehen zum Beispiel Depressionen bei Kindern nicht wie bei Erwachsenen mit einer gewissen Traurigkeit („Melancholie“) einher, sondern manifestieren sich häufig durch eine Gereiztheit. Bei alten Menschen kann es wiederum passieren, dass Symptome, die sonst auch bei Demenz vorkommen,  nicht als Depression erkannt werden (sog. ‚Pseudo-Demenz‘). Dies führt häufig zu einer beinahe fatalen Fehleinschätzung, denn eine richtig erkannte Depression kann therapiert werden, und die kognitiven Beeinträchtigungen (wie Vergesslichkeit) sind dann auch reversibel! In diese Hinsicht besteht allgemein noch ein sehr großer Informationsbedarf in der Bevölkerung, aber auch bei Ärzten. Kinder und alte Menschen sind außerdem anfälliger für Nebenwirkungen. Bei alten Menschen kommt hinzu, dass häufig noch andere Medikamente verschrieben werden, die das Risiko von Wechselwirkungen erhöht. Deswegen ist eine genetische Untersuchung vor Therapiebeginn bei diesen beiden Gruppen im besonderen Maße hilfreich.

DKG: Die Forschung hier in Toronto scheint also Deine Aufmerkasmkeit am meisten in Anspruch zu nehmen. Du bist aber auch in der Lehre und Patientenarbeit tätig. Was ist Deine Lieblingsaufgabe?

Müller: Ich glaube, wenn man zur Forschung neigt, ist man leidenschaftlich gerne im Labor und arbeitet mit der Arbeitsgruppe an neuen Projekten. Allerdings möchte ich meine Aufgaben als Arzt keineswegs missen, die auch hilft, mich weiterzubilden und mein Wissen an die Patienten weiter zu geben. Darüber hinaus halte ich auch leidenschaftlich gerne Vorträge bzw. Vorlesungen zu meinen Thema!

DKG: Gibt es etwas, was das Leben als Forscher schwer macht?

Müller Zum Einem erleben wir leider im Moment einen historischen Tiefstand in Bezug auf die Forschungsförderung und das auch zunehmend hier in Nordamerika. Man verbringt sehr viel Zeit mit der Erstellung von Anträgen. Zum anderen kommen die stetig wachsenden bürokratischen Anforderungen hinzu.  Diese gibt es natürlich aus guten Gründen, doch man sollte sich über den Aufwand von Anfang an im Klaren sein, bevor man eine neue Studie beginnt oder neue Kollaborationen plant. All das wirkt auch nicht selten abschreckend auf  junge Forscher und Nachwuchswissenschaftler, die wir aber keineswegs verschrecken wollen und dürfen.

DKG: Wie groß ist die internationale Zusammenarbeit?

Müller: Die internationale Kollaboration ist sehr groß. Hier in Toronto natürlich in erster Linie mit den USA, aber auch mit Europa und Asien. Das ist ein wichtiger Teil der Arbeit, den ich auch sehr mag.

DKG: Abschließend:  Bonn – Berlin – Toronto, was ist deine Lieblingsstadt?

Müller: Jede Stadt hat eine besondere und sehr persöhnliche Bedeutung für mich, und ich habe eine fantastische Zeit in jeder Stadt erlebt: In Bonn bin ich aufgewachsen und habe noch viel Kontakt zu Freunden. Dann durfte ich das spannende und einmalige Lebensgefühl in Berlin kennen lernen, weswegen ich immer sehr gerne dort bin. Toronto ist wieder anders, es ist viel internationaler hier, und ich schätze den Austausch mit anderen Kulturen sehr. Es ist auch grandios zu erleben, wie friedlich und respektvoll sich die Menschen hier begegnen. Letzlich haben alle Orte besondere Eigenschaften, und ich habe mich immer bemüht, das Beste aus allen Erfahrungen in mir zu tragen und dieses auch weiterzugeben.