Deutsch-kanadische Eindrücke: Interview mit Tänzerin Lisanne Goodhue

Lisanne Goodhue ist eine Tanzkünstlerin aus Kanada.  Sie lebt seit 2011 in Berlin. Absolventin des  “École de Danse Contemporaine de Montréal” im Jahre 2010 und des “Collège Montmorency en art visuel” 2007. Sie arbeitet in Europa als Tänzerin, Choreografin und Tanzlehrerin.  Ihre Arbeit als Choreografin wurde in Schweden, Montreal, Berlin, Hamburg und London präsentiert.   Lisanne ist auch auf der Berliner Szene der Tanzimprovisation zu sehen und  beteiligt sich als Gastkünstlerin bei vielen Festivals und Veranstaltungen. Seit 2009, arbeitet sie in enger Zusammenarbeit mit dem deutschen Choreografen Sebastian Matthias und erweitert ihre Kenntnisse vom “Groove” Phänomen.  Ihre Arbeit wird in Europa, Indonesien und Japan präsentiert.  (www.lisannegoodhue.com)

Woher kommst Du?

Ich komme aus dem Süden Montreals. Berufsbedingt meines Vaters habe ich in vielen verschiedenen Orten in meiner Jugend gelebt:  Longueuil, Saint-Jérôme, Québec und Boucherville. 

-Beschreibe Deine künstlerische Laufbahn, wie bist Du zum Tanzen gekommen?

Als Kind wollte ich Malerin werden.  Doch meine Mutter erzählt folgende Geschichte:  als ich 4 oder 5 Jahre alt war, habe ich das Ballet “Nussknacker” der Grands Ballets Canadiens mit meiner Schwester   (die heute auch Tänzerin ist) gesehen.   Wir saßen die ganze Zeit verzaubert am Stuhlrand,.   Ich habe angefangen in einer Freizeitschule in Boucherville und dann in Québec zu tanzen.  In Québec habe ich an einem Vortanzen für den genanten “Nussknacker” der Grands Ballets Canadiens teilgenommen und habe mit 8 Jahren meine erste professionelle Erfahrung in der Role einer Maus an der Seite von richtigen Tanzprofis erlebt.  Als ich 12 war bis ich 18 wurde, habe ich in Boucherville das Programm Sport/Studium in Ballet am “École Supérieure de Ballet du Québec” besucht.   Alles rund um das Ballet hat meine Jugend geprägt.   Mit 18 habe ich mit Tanzen aufgehört und habe dann bildende Kunst studiert.  Durch verschiedene Begegnungen, kam ich mit 21 zum Tanzen zurück am “L’École de Danse Contemporaine” wo ich 3 Jahre studiert habe. 

-Was oder wer inspiriert Dich?

Künstler die sich über ihre Methode der Schöpfung gut ausdrücken können.  Mischkunstkreise die an verschiedenen Medien interessiert sind.    Heutzutage ist für die junge Artisten-Generation die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Künstlern sehr fruchtbar;  es bringt uns ausserhalb unsere normale kreative Umgebung und kreiert grandiose Projekte.  Viele Sachen inspirieren mich, ich bin extrem visuell: Texturen, Farben, Lichter die ich in Bewegung umsetze.   Der amerikanische visuelle Künstler  James Turell, die deutsche Künstlerin Monika Grzymala, die Choreografin Meg Stuart, der Künstler Philipp Gemacher…

-Wie kamst Du nach Deutschland?

Während meines Studiums habe ich den deutschen ChoreografenSebastian Matthias kennengelernt.   Nachdem ich 2010 mein Diplom erhielt, wollte ich nach Europa kommen um an Tanzkursen und Workshops teilzunehmen.   Ich habe mit Sebastian Kontakt aufgenommen und an einem seiner Projekte in Hamburg im Kammnagel-Theater mitgemacht.   Ich verlies Montreal Ende August 2010 mit einem großen Rucksack mit der Idee ich käme dann an Weihnachten wieder zurück.  ich kehrte aber erst ein Jahr später, nachdem ich meinen Rucksack in einer 4 Jahreszeiten Kleiderschrank  verwandelt hatte, zurück.   Ich bin gereist, habe Leute kennengelernt, an Workshops teilgenommen und habe vorgetanzt in Brüssel, Berlin, London und der Schweiz.   Habe meine Freundin in Dubai besucht und ein deutsches Weihnachten auf dem Land erlebt.   Als ich in Montreal im Sommer 2011 ankam, hatte ich schon mein Rückflug-Ticket für Hamburg und ein zweites Projekt mit Sebastian Matthias.  Im zweiten Jahr in Europa bin ich zwischen Hamburg und Berlin gependelt und habe letztlich im Juli 2012 eine Wohnung in Berlin gefunden.   Seitdem habe ich dort meinen Lebensmittelpunkt, auch wenn ich sehr viel Zeit ausserhalb Berlins für die Arbeit verbringe.

-Beschreibe dein aktuelles Projekt.

Ich beginne gerade ein choreografisches Projekt , es heisst Photometry und beschäftigt sich mit  Effekten der Helligkeit auf Beziehungen.  Der Projekt wird dann in einem Museum oder einer Kunst-Galerie präsentiert wo 3 Tänzer sich in verschiedenem Licht bewegen. Die Zuschauer bewegen sich um die Tänzer und erleben die gleichen Lichtveränderungen.   Meine choreografische Arbeit geht oft von beeindruckenden Umgebungen aus die ein prégnantes Gefühl hinterlassen.   Ich glaube dass das Tanzen, die Art sich zu bewegen, in einer Umgebung geschehen sollte, wo die Körper der Künstler und die des Publikums interagieren können.   Das Projekt wird noch entwickelt aber es lohnt sich es in den nächsten Monaten zu verfolgen.  (lisannegoodhue.com)

Ich arbeite auch mit einer deutsche Sängerin und Antropologin, Ulrike Sowodniok. Wir treten gemeinsam  auf beim X-change Festival in Berlin am 17. Juli auf. 

Ich werde ebenso in mehreren Projekten von Sebastian Matthias tanzen in den kommenden Monaten:  x-groove space auf dem Festival Tanz im August Berlin vom 13.-17. August und in People looking at people am 29.09. und 1.-2.-3.-4. Oktober in verschiedenen Orten in Berlin.

-Was magst Du am liebsten in Deutschland?

In Berlin, mag ich insbesondere die verschiedenen Lebensarten: ich treffe auf Alleinerziehende Frauen, die in einer WG wohnen, auf Patchwork Familien die trotz geteiltem Sorgerecht gut miteinander umgehen, auf junge Väter von 51 Jahren, auf Leute mit verschiedenen sexuellen Orientierung.  Deutschland ist sehr Welt offen, ich liebe die kulturelle Diversität.  Generell ist die Kunst in Deutschland und Europa sehr in das tägliche Leben integriert.   In Berlin ist die kulturelle Szene extrem vielfältig und vibrierend.

-An welchen Aspekten ist es am schwersten sich anzupassen?

Das Lernen der deutsche Sprache!  In Berlin ist es sehr einfach sich mit Englisch zu bewegen.  Da ich auch viel auf Reisen bin, ist es für mich noch schwieriger schnell zu lernen.  Nach 5 Jahren bin ich noch nicht da wo ich hin will.  Aber ich gebe nicht auf und beginne einen Intensiv-Kurs im Juli.

-Ausser Freunde und Familie, was vermisst Du am meisten aus Kanada?

Die Freiheit und Vertrautheit mich in Französisch, meiner Muttersprache, auszudrücken.  Natürlich hilft es dass ich Englisch sprechen kann, welches ich komischerweise hier in Deutschland perfektioniert habe.  Aber die Schönheit der französischen Sprache ist immer in meinen Gedanken.

-Was ist dein Lieblingsort in Kanada?

Meat Cove, Nova-Scotia, da habe ich meine schönste Camping Erfahrung erlebt.  Direkt auf den Felsen des atlantischen Ozeans mit einem atemberaubenden Sonnenaufgang über dem Meer.   Ich liebe auch die Dörfer und Städte entlang des Sankt-Lorenz Stroms.  Und natürlich liebe ich Montreal, wo ich studiert und gearbeitet habe.

-Welche Aspekte von Kanada würdest Du gerne hier wieder finden und vice versa?

Die Kunstszene in Europa und in Deutschland, besonders der “Freelance” für die “Newcomer” ist nicht so “exklusiv” wie in Kanada und es ist hier einfacher von der Kunst zu leben.   Von Kanada würde ich gerne die luminösen Wintertage und den weißen Schnee einführen…für maximal 2 Monate.

-Was sind deine beruflichen Ziele?   Auf welcher Bühne würdest Du gerne tanzen und warum?

Momentan entwickele ich meinen Weg als Choreografin.   Ich möchte an Projekten arbeiten, die die bildende Kunst und die Bewegung verbinden.  Vor allem möchte ich weiter tanzen und wünsche mir meinen Meister in der Kunst der Performance sehr bald zu absolvieren.