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Berichte aus Kanada

Merve Tosun in Montréal, Québec

©merve tosun

Bericht vom 18. Juni 2020:
Seit April 2019 lebe ich nun schon in Kanada und bin im Oktober 2019 von Vancouver in meine Lieblingsstadt Montréal gezogen.
„Das erste Mal den Sommer in Montréal erleben!“ waren meine Beweggründe, in Kanada zu bleiben und mein Visum zu verlängern. Bisher kannte ich nur den harten Winter aus meinen zahlreichen Besuchen während des Studiums. Mein Wunsch wurde erfüllt, aber dass das alles während einer Pandemie stattfinden würde, hätte ich mir niemals ausmalen können. Die Sprachschule, in der ich seit Oktober als Praktikantin gearbeitet habe, musste abrupt schließen, und ich hatte nicht einmal Zeit, meinen Schreibtisch auszuräumen oder meinen Kollegen „Tschüss“ zu sagen. Genau zwei Wochen später musste auch die türkische Patisserie, in der ich danach als Verkäuferin gearbeitet hatte, schließen. Das war sehr aufrüttelnd. Aufgrund der Unabsehbarkeit des Ausmaßes der Krisensituation habe ich stark mit dem Gedanken gespielt, zurück nach Deutschland zu fliegen. Dann aber siegte der Gedanke an meinen Traum. Zudem lebe ich hier glücklich mit meiner Freundin zusammen.
Einige Tage nach der Schließung der Schule und der Patisserie nahm mich meine Freundin in einen Supermarkt auf, in dem sie Helfer suchten, die ihnen bei den Online-Bestellungen aushelfen sollten. Zum Vergleich: An einem „normalen“ Tag vor Corona hatte der Supermarkt höchstens 80 Online-Bestellungen, und das lediglich sonntags. Diese Zahl stieg drastisch an und erhöhte sich auf über 300 Bestellungen pro Tag. Das war zu viel für den Markt. So wurden binnen zwei Tagen rund 50 Helfer eingestellt und auch eine Nachtschicht eingeführt. Damit hatte ich zügig wieder einen Job, was mich sehr beruhigte. Infolgedessen hatten wir jeden Tag im April was zu tun. Mittlerweile wird die Situation besser, so dass mehr und mehr Arbeitsbereiche öffnen. Allerdings ist Montréal eine der am stärksten von Corona betroffenen Städte Kanadas, weshalb wir im Vergleich noch etwas zurückhängen, was die Öffnung von Schulen, Restaurants etc. angeht.
Inzwischen treffen sich meine Arbeitskollegen und ich via Zoom, und ich führe meinen Französischkurs mit einer privaten Tutorin online fort. Ich bleibe weiterhin optimistisch und freue mich auf meinen Campingurlaub in Québec, denn zum Glück muss ich nicht weit reisen, um kanadische Natur zu sehen.

Anna Herzog in Barriere, Nova Scotia

Bericht vom 26. Mai 2020:
Keine zwei Wochen meines Jahres in Kanada waren vergangen, als ich das erste Mal vom Ausbruch des Corona-Virus hörte. Zunächst schien alles noch weit weg zu sein. Was soll das schon für Auswirkungen auf mich haben? Keine weiteren zwei Wochen später wurde im Radio über kein anderes Thema mehr gesprochen. Die erste Zeit der Pandemie habe ich in einer abgelegenen Wildnis-Lodge am Abraham Lake in den Rocky Mountains verbracht. Wenn der nächste Supermarkt 200 km entfernt liegt, kommen einem Nachrichten schnell wie ein Spielfilm vor: Nichts schien Auswirkungen auf mich zu haben. Ziele vom Yukon bis Neufundlandland standen auf meiner Reiseliste. Es fehlte nur noch das etwas wärmere Wetter des Sommers, dann sollte es los gehen…
Ein paar Wochen später bin ich dann auf die Raven Ridge Farm in BC umgezogen, die nicht ganz so abgeschieden wie die Wildnis-Lodge liegt, aber immer noch eine kleine Welt für sich ist. Kurz darauf wurde die veränderte Lage dann auch für mich spürbar. Nicht nur in den Nachrichten war Corona jetzt das einzige Thema, sondern auch bei uns. Die Farm sollte nicht mehr grundlos verlassen werden, einkaufen gehen sollten wir nur noch das Allernötigste und so selten wie möglich. In der Einfahrt wurde ein großes Schild aufgestellt: „Keep your social distance, no visitors, please call“. Dahin waren die Träume von großen Reisen. Neben den Geschäften haben auch alle National und Provincial Parks geschlossen, Rastplätze konnten nicht mehr genutzt werden. Jeder, der konnte, sollte zu Hause bleiben – wie wahrscheinlich überall auf der Welt.
Ich kann mir keinen anderen Ort und kein anderes Land vorstellen, in dem ich lieber „festsitzen“ würde. Das Kanada, wie es andere kennen und wie ich es mir vorgestellt habe, werde ich dieses Jahr wohl nicht mehr kennen lernen – na und? Wenn ich mit einem Wort beschreiben müsste, wie man hier mit der Krise umgeht, wäre es hilfsbereit. Ich gebe zu, mein Blickfeld ist stark eingeschränkt, aber ich habe gelernt, dass man auch mit Abstand freundlich und offenherzig miteinander umgehen kann.
Langsam, sehr langsam scheint sich wieder alles zu normalisieren. Ab Juni sollen Parks und Campingplätze in BC wieder öffnen, in Alberta ist das wohl schon geschehen, vielleicht lässt auch der Yukon non-residents wieder einreisen. Wer weiß, vielleicht wird das mit dem Reisen ja doch noch etwas? Und wenn nicht, dann ändere ich meine Pläne halt noch einmal. Darin bin ich jetzt geübt. Zurück nach Deutschland fliegen? Keine Option!

Folgebericht vom 26. Juni 2020:
Time flies, und statt in BC bin ich nun in Northern Ontario angekommen, lebe auf der Foxfire Ranch, ein paar Kilometer nördlich von Vermilion Bay. Auf meinem Weg habe ich viele unterschiedliche Eindrücke von Kanada und dem Umgang mit Corona erhalten. Die Campingplätze und Provincial Parks haben wieder geöffnet, und die Leute scheinen nur darauf gewartet zu haben, wieder raus in die Natur zu kommen. Besonders im Peter Lougheed Provincial Park im Kananaskis Country, AB, wurde ich von Menschenmengen überrascht und hatte Glück, überhaupt noch einen Campingspot zu erhaschen. Die Nationalparks hingegen glichen eher einer Geisterstadt. Es kommt bestimmt nicht oft vor, dass man Mitte Juni einsam und alleine den Icefields Parkway entlang fahren kann, ohne Menschen zu begegnen. Im angrenzenden Gebiet entlang des Abraham Lakes hingegen tümmelten sich Wohnwagen und Camper dicht an dicht.
Da ich kein großer Fan von Metropolen und Städten bin, begrenzten sich meine Zwischenstopps auf der weiteren Reise auf kleine Ortschaften. Mit BC-Nummernschildern an meinem Auto wurde ich ganz unterschiedlich wahrgenommen. Während ich in einem Ort noch offen begrüßt und freundlich bedient wurde, folgten mir im nächsten nur misstrauische Blicke, und jeder machte einen großen Bogen um ‚die Fremde‘, die besser zu Hause geblieben wäre. Wann immer ich in einen Laden oder eine Tankstelle gehe, bin ich also ein wenig auf der Hut. Bin ich wirklich willkommen?. Reisen zu Corona-Zeiten hat offensichtlich seine Vor- und Nachteile. Wer die Einsamkeit sucht, sollte momentan wohl eher die Touristen-Hotspots aufsuchen als die Insider-Tipps.
Alles in allem ist es ein komisches Gefühl, momentan in Kanada zu reisen und Leute zu treffen. Es ist ein wenig schade: Ich bin mir sicher, das offene, freundliche, großzügige Kanada, von dem alle schwärmen, ist sicher noch da draußen, momentan hält es sich versteckt hinter Plexiglasscheiben, geschlossenen Türen und skeptischen Mienen. Statt umher zu ziehen und Kanada zu entdecken, werde ich mich auf die Orte beschränken, von denen ich weiß, dass ich als Fremde willkommen bin.

Anton Rizor in Kingston, Ontario – Law Student an der Queen’s University

©Anton Rizor

Bericht vom 4. Juni 2020:
Covid-19 hat auch den Universitätsbetrieb in Kanada beeinflusst. Seit Mitte März haben wir die Vorlesungsräume gegen „Zoom“ eingetauscht. Vorstellungsgespräche, Praktika, und Projekte finden allesamt online statt. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Zeit stehen geblieben ist. Vorlesungen gingen fast unverändert weiter. Auch Klausuren wurden geschrieben. Allerdings von zu Hause. Das war zwar zu Beginn ein wenig ungewohnt, hat aber schlussendlich auch funktioniert. Es ist weiterhin unklar, wie der Universitätsbetrieb im Herbst aussehen wird. Viel hängt dabei von einer möglichen zweiten Welle ab.
Die meisten Kanadier um mich herum haben die Coronazeit mit Gelassenheit und Fassung ertragen. Die Menschen blieben respektvoll und hilfsbereit. Als einige Kommilitonen umziehen mussten, haben andere ihnen Notizen aus den Vorlesungen zugeschickt. Auch in der Vorbereitung auf die Klausuren haben die Studierenden ehrlich und offen zusammengearbeitet. Persönlich hatte ich Glück, dass meine Arbeitsstelle für den Sommer recht problemlos auf online umstellen konnte. Andere Arbeitgeber mussten ihren Sommerstudierenden leider absagen. Schade ist natürlich, dass geplante Reisen in diesem Sommer wohl leider ausfallen werden. Doch getreu dem Motto „always look on the bright side of life“, genieße ich erstmal das schöne Sommerwetter von zu Hause.

Interview with Jerry Chen and Nils Maetzel
Interviews by ©Carla Brossette
Young Canadians in Germany: Internship at the Consulate in Düsseldorf

Going abroad to study or work for a while has become common for young Germans, usually sometime between their 9th grade of school and their Master studies. They go abroad for a semester, a year or even longer to experience cultural exchanges, learn (or improve) a language, meet people and discover a country’s nature. Favourite destinations for such exchanges are the United States, the United Kingdom, Australia and, of course, Canada. I heard many stories of young Germans going to Canada and frankly I, myself, completed my high school education in Ontario, so I was used to hearing about this direction of the exchange. I was, however, a little surprised that such a great number of Canadians choose Germany as a destination for their studies and work abroad. I was very curious to learn why a Canadian student chooses Germany as a travel and work destination. Luckily, I met two young Canadians who were interning at the Canadian Consulate in Düsseldorf. Nils is a 21-year-old student of International Economics at the University of British Columbia who is staying in Germany from January to August 2020. Jerry is 23 years old, a student of Globalization and International Development at the University of Ottawa who was planning on staying from January until April 2020.
Nils explained that his parents are from Germany. Although he had visited the country multiple times before, it is the first time he is living here. Another perk is that some of his friends are also currently traveling and working in Europe. Jerry said that he has experience working for other governmental missions, for example in Washington and Ottawa. With this program, he was able to take a different approach to his field of interest: global affairs. The internship in Düsseldorf focuses on trade and is overall a smaller mission. Furthermore, Jerry was interested in working in a country with a foreign language as an extra challenge.
Both of them said they had a general idea about Germany from past travels, however, there were small things they were not expecting. The detailed laundry schedule at his place took Jerry by surprise. Nils had noticed that the traffic lights turn a little differently here as they do in Canada. They both agreed that the efficiency of the public transportation was a major “cultural shock” from what they were used to at home. Another cultural shock they shared was the fact that public drinking is legal and common in Germany. We also talked about what they were missing most about Canada, and Jerry very nicely said “A simple ‘how are you?’”. Small talk, very common in Canada, is not really a part of most German conversations.
Regarding the cultural exchange between Canada and Germany, Nils mentioned that a lot of Germans, like his parents, moved to Canada. Therefore, German culture is present in Canada and vibrantly shown through German traditions such as Christmas markets. Canada seems to be a popular travel and business destination among Germans, which aggravates and encourages cultural exchange. To young Germans who are planning on traveling to Canada both suggested backpacking trips to discover Canada’s versatile nature. Nils recommended visiting Squamish in British Columbia for a scenic hiking trip. Jerry’s recommendation was to check out Ottawa’s restaurants during patio season and enjoy the city life.
Their advice to young Canadians in Germany: Explore Europe with InterRail to see as much Germany and Europe as possible. Furthermore, they suggested learning a few basic terms in German. While Nils speaks German fluently due to his heritage, Jerry learned terms before arriving and managed (perfectly) to hold basic conversation as not everybody in Germany speaks English confidently. Another important piece of advice was to apply for a visa ahead of time as the processing can take a while.
I want to thank Jerry and Nils for meeting me in Düsseldorf. It was not only interesting to hear about the other end of the Canadian-German exchange, but also to realize how much we had in common.

Update from Nils: How did Covid-19 affect your stay?

Carla: How is working in a political institution (the Canadian Consulate) during then pandemic? How has your set of tasks changed and has it been more stressful?
Nils: Working at the Consulate during the pandemic has been quite a change of pace for me, but also a great learning opportunity. To some degree, the work we do has become much more urgent and important, especially in March and April. Our Consular officers are busy helping Canadians return to Canada while in the trade section our work is divided between measuring the impact of COVID-19 and assisting clients in need. I have mostly been writing reports measuring the impact. While it was at times stressful, I have learned a lot more about Germany and improved my research and writing skills.
Have you been able to make a plan for returning to Canada?
While my initial flight was cancelled, I have been able to find another flight.
Are you still able to work for the Canadian Consulate?
Yes! My co-op office (the school program through which I am doing the internship) almost cancelled my second term with the Consulate, since they required all abroad students to return to Canada. If that had happened, the Consulate could have re-hired me without co-op. Fortunately, I was able to convince the co-op office that I was safe in Germany.
How have you been spending your quarantine and “corona time”?
The hardest thing about the situation has certainly been the quarantine. I had many travel plans around Europe that fell out due to the restrictions. Additionally, the rock climbing gym I go to closed. Therefore, I have had to switch things up. On sunny days, I spend time reading in the hammock on my balcony, and to get exercise I have been running frequently. I definitely miss the social life of hostel traveling though.
Have you still been able to enjoy your stay or are you really ready to leave now?
I am quite torn. I have really enjoyed my time here, but I miss my family and the mountains in B.C.. I think leaving at the end of August will be perfect.
Do you have any advice for other international students stuck in foreign countries due to the pandemic?
Reach out to friends online. Since most people are in the same situation, it has been easy to start conversations with friends I have not been in contact with for a long time. This can also make the quarantine less lonely, especially if you are living alone.

*****360 Grad Kanada: neue Ausgabe
Für DKG-Mitglieder noch folgender Hinweis: Lisa Hasselbrink verbringt ihre Internship-Station im Rahmen des DKG-Internship-Programms bei BMW Canada in Toronto. Sie flog an dem Tag von München nach Toronto, an dem die Weltgesundheitsorganisation WHO COVID-19 zur Pandemie erklärte. Wie die Einreise klappte und wie sie Toronto in Zeiten der Pandemie erlebte, schildert sie ab S. 64 im aktuellen Heft von 360 Grad Kanada in ihrem Artikel Versuch eines Praktikums in Toronto – Kanada während der Corona-Krise.

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