In Toronto während der Pandemie -Staying safe and trying to be happy –

Von Mitte November bis Mitte Januar haben meine Frau Monica und ich für zwei Monate unseren Sohn besucht, der in Toronto lebt und arbeitet. Im Folgenden möchte ich einige Eindrücke wiedergeben, die wir während des Aufenthaltes in Toronto gewonnen haben, das sich wie die gesamte Welt durch die Pandemie radikal verändert hat.


Bereits im Frühjahr hatte Kanada die Einreise mit dem Flugzeug auf „essential travel“ beschränkt und die Grenzen zu den USA weitgehend geschlossen. Damit durften Nicht-Kanadier im Wesentlichen nur noch zu Besuchen von nahen Verwandten mit kanadischer Staatsangehörigkeit oder aus „compassionate reason“ (z.B. Todesfall oder schwere Krankheit von Angehörigen) einreisen. Unsere Reise war nur deswegen möglich, da unser Sohn die kanadische Staatsangehörigkeit besitzt.


Einchecken und Sicherheitskontrollen auf dem Hinflug verliefen ungewohnt schnell, da die Maschine nur zu etwa 20 % besetzt war. Vor dem Einstieg ins Flugzeug wurde am Gate die Temperatur gemessen. Außer bei den Mahlzeiten bestand während des gesamten Fluges Maskenpflicht. Vor der Ankunft in Toronto war die ArriveCAN App herunterzuladen und bei der Sicherheitskontrolle vorzuzeigen. Dies beschleunigte die Einreise erheblich. Da auch das Gepäck nach kurzem Warten eintraf, gelangten wir sehr schnell in eine leere Ankunftshalle, in der sich lediglich einige Sicherheits- und Reinigungskräfte aufhielten. Alle Abholer mussten wie unser Sohn außerhalb des Gebäudes mit Maske warten.
Als weitere Voraussetzung für die Einreise nach Kanada wurde Anfang Januar der Nachweis eines negativen Tests eingeführt. Insofern hatten wir noch Glück, dass wir bereits letztes Jahr eingereist waren.


Für die obligatorische 14tägige Quarantäne konnten wir zwar mit dem Apartment unseres Sohnes in Downtown Toronto einen vorschriftsgemäßen Quarantäneort vorweisen. Er musste uns aber alleine aus einem nahegelegenen Supermarkt mit Lebensmitteln versorgen, da wir das Apartment nicht verlassen durften. Hinzu kam eine tägliche Meldung über die ArriveCAN App zum Gesundheitszustand – in der ersten Woche freiwillig, in der zweiten Woche dann verpflichtend. Außerdem erhielten wir nach zwei Tagen einen Anruf der Gesundheitsbehörden mit Fragen zu Quarantäneort und Gesundheitszustand.


Ontario hatte Anfang November ein fünfstufiges Rahmenwerk zur Bekämpfung von COVID 19 mit ansteigender Intensität der Maßnahmen von grün (Prevent – Standard Measures) bis zu grau (Lockdown – Maximum Measures) eingeführt. Alle Regionen, Counties und Orte der Provinz wurden anhand der Fallzahlen den jeweiligen Kategorien zugeordnet. Toronto befand sich direkt in der zweithöchsten Kategorie. Damit war z.B. in Restaurants nur noch Außenbewirtung zulässig und Veranstaltungen mit Zuschauern wie Konzerte oder Eishockey- oder Basketballspiele waren verboten.


Die verbliebenen Freiräume nutzte die Gastronomie in Toronto sehr kreativ: Vor den Restaurants wurden auf den Bürgersteigen Tische, Bänke und Heizstrahler aufgestellt. Wegen des milden und sonnigen Wetters im November reichten zum Schutz Planen oder Zelte. Eine kanadische Firma hatte sogar „Magic Brickwalls“ aus Holz entwickelt, die wie eine richtige Häuserwand um die Außenanlagen aufgeschichtet wurden.

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Durch die Pandemie lernten wir viele neue englische Begriffe kennen: Neben „stay safe“ (bleiben Sie gesund), „social distancing“ (Abstandhalten) oder curbside pick-up (Abholen am Geschäftseingang nach vorheriger Bestellung) entwickelte sich „stay in your bubble“ (im eigenen Haushalt bleiben) zu unserem Favoriten. Der Mindestabstand beträgt in Kanada übrigens 2 m. Ob das nur an der Umrechnung von 6 ft in das metrische System liegt oder daran, dass in Kanada alles etwas größer als in Deutschland ist? Analog zum deutschen AHA-Prinzip wurde in Kanada das WISE-Prinzip entwickelt:

Anfang Dezember fand auch die Außengastronomie ein jähes Ende, als wegen der gestiegenen Fallzahlen verschiedene Regionen in höhere Kategorien eingestuft wurden. Für Toronto und die angrenzende Region Peel (mit Mississauga) bedeutete dies mit der höchsten grauen Stufe einen strikten Lockdown mit ähnlichen Maßnahmen wie sie Deutschland vor Weihnachten einführte. Im Wesentlichen durften nur noch Geschäfte mit „essential business“ geöffnet bleiben. Erstaunlich war für uns, dass dazu neben Lebensmittelgeschäften auch Alkohol- und Cannabisläden zählten. Ansonsten waren neben dem weiterhin erlaubten Drive Thru der Fast-Food-Ketten nur noch Lieferservice oder das Abholen vorbestellter Waren an der Ladentür zulässig.


Auch unter dem strikten Lockdown hielt Toronto die kostenlosen städtischen Eislaufflächen geöffnet. Die Anzahl der Eisläufer wurde jedoch begrenzt. Die Medien berichteten davon, dass Polizisten mit Schlittschuhen auf das Eis sprinteten, um überzählige Eisläufer vom Eis zu holen.
Da unsere Quarantäne zeitgleich mit dem strikten Lockdown endete, konnten wir unsere wiedergewonnene Bewegungsfreiheit nur außerhalb von Toronto nutzen. Wegen der frostigen Temperaturen und erster Schneefälle wagten wir Ausflüge mit Wanderungen im Freien nur, wenn wir anschließend einkehren und uns aufwärmen konnten. Dafür mussten wir Ziele in Regionen niedrigerer Kategorien finden. Da wir gewohnt waren, uns anhand der Städtenamen zu orientieren und in den Pandemiehinweisen der Provinz nur die Regionen genannt wurden, dauerte die Suche anfangs etwas länger: Wo lag z.B. Essex County und gehörte Orangeville noch zur grauen Region Peel oder zur angrenzenden Region York mit niedrigerer Kategorie?


Nach erfolgreicher Suche wurden wir wegen der fehlenden Touristen aus Asien und den USA mit fast menschenleeren Zielen belohnt. So gelangten wir beispielsweise an den Niagarafällen überall unmittelbar an die Absperrungen – ein Paradies für Fotografen.
Auf unseren Ausflügen sahen wir auch außerhalb der Gastronomie kreative Ideen zum Umgang mit der Pandemie: In der McMichael Canadian Art Collection standen in allen Räumen Hinweisschilder mit Fotografien der Künstler der Group of Seven, einem Zusammenschluss kanadischer Maler in den 1920er Jahren, die mit Gesichtsmasken bedeckt waren.

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Auch die Figur eines Moose in Toronto hatte neben der weihnachtlichen Dekoration eine Gesichtsmaske erhalten. Und ein Juwelier machte in den Medien für eine von ihm entworfene Kette zur Erinnerung an das schwierige Jahr 2020 Reklame. Ob wir auf diese Weise an dieses Jahr erinnert werden möchten?

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Am 26. Dezember verhängte dann die Regierung einen strikten Lockdown über die gesamte Provinz. Man hofft, damit zusammen mit den in Kanada als weltweit drittem Land eingeführten Impfungen die Pandemie möglichst bald eindämmen zu können. Den indigenen Völkern Kanadas wurde übrigens neben den „Frontworkern“ als einer der ersten Gruppen die Möglichkeit zur Impfung angeboten.


Auch in Toronto waren private Feuerwerke zu Sylvester verboten. Das fiel hier aber nicht weiter auf, da sie auch schon früher nur zu Victoria Day und Canada Day erlaubt waren. Stärker bemerkbar machte sich vor allem für die Kinder, dass dieses Jahr Halloween ausfallen musste. Möglicherweise glichen das viele Familien durch mehr Weihnachtsdekoration an ihrem Haus aus. Außerdem erhielten viele Kinder zu Weihnachten einen Hund geschenkt. Das erhöhte die ohnehin hohe Anzahl von Tieren in den Apartments Downtown. Für deren Auslauf hat die Stadt überall eingezäunte Hundeauslaufgelände geschaffen, die zu jeder Tageszeit gut besucht waren.


An einem Haus im Westen Torontos wurde neben der üppigen Weihnachtsdekoration eine Christmas Light Show auf einen großen Bildschirm vor dem Haus projiziert. Da der Standort auch in Google Maps verzeichnet ist, bildeten sich lange Autoschlangen in den angrenzenden Straßen. Auf den Bürgersteigen standen viele Menschen mit ihren Handys – allerdings mit Maske und mit Abstand. Auf Schildern wurde zu Spenden für das renommierte SickKids Hospital aufgerufen.
Weniger sozial verhielten sich einige Politiker, die trotz dringenden Appells, über die Feiertage zu Hause zu bleiben, Reisen in die USA oder die Karibik unternahmen. Als dies bekannt wurde, musste der Finanzminister von Ontario zurücktreten. Auch auf Bundes- und Provinzebene wurden etliche Fälle von den Medien aufgedeckt.


Mit dem provinzweiten Lockdown verloren für uns auch Ausflüge in andere Regionen ihren Reiz. Obwohl in beiden Ländern ähnliche Schutzmaßnahmen eingeführt wurden und trotz der Hürden bei der Einreise nach Deutschland (vorherige Einreiseanmeldung bei den deutschen Gesundheitsbehörden, obligatorischer Test am Frankfurter Flughafen) sind wir froh, dass wir Mitte Januar wieder in unser Haus mit Garten zurückkehren konnten. Wir sind zuversichtlich, dass unsere nächste Reise nach Kanada wieder unter besseren Bedingungen erfolgen wird.

Hans Harald Grimm, Regionaleiter Rhein-Ruhr

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